Freitag, 13. Juni 2014

Urlaub im Land der 'Ndrangheta

Wenn am Abend die Sonne untergeht und der Vulkan Stromboli in der Ferne über dem Meer zu schweben scheint, versammeln sich Urlauber an den Aussichtspunkten von Tropea. Der Blick von der auf einer Felsklippe gelegenen Stadt in die Ferne ist so etwas wie ein Konzentrat Kalabriens. Der Süden Italiens erfüllt Sehnsüchte deutscher Urlauber. Er verspricht die Leichtigkeit des Lebens und den Genuss einfacher mediterraner Küche.




Man sollte allerdings bereit sein, kleine Schwächen hinzunehmen. In Kalabrien kommt an der 'Ndrangheta keiner ganz vorbei. Der Zweig der Mafia bedroht Urlauber keineswegs, wahrscheinlich ist die Gefahr von Diebstahl und Raub an der Côte d'Azur sogar viel größer. Die 'Ndrangheta macht aber das Leben der Menschen schwer und zeigt sich in Dingen, die man auch am Rand der Europäischen Union nicht erwartet. Türmt sich zwei Wochen lang der Müll in den Straßen, heißt die lakonische Antwort auf das Warum: "Mafia."

Toni, der einen winzigen Laden in der Nähe von Tropea betreibt und ein bisschen Deutsch spricht, zuckt mit den Schultern. Die Stadtverwaltung sei eben korrupt. Die Müllabfuhr werde immer wieder neu ausgeschrieben, dicke Schmiergelder seien an der Tagesordnung, und da bleibe der Abfall zwischendurch eine Weile liegen. "Die Politik ist schlecht bei uns", sagt Toni wie zur Entschuldigung, lächelt und bietet selbst gekelterten Wein zum Probieren an. Egal, irgendwann rattern tatsächlich wieder Müllfahrzeuge durch die engen Gassen.


Verwunschene Ortschaften

Wer den südlichsten Teil der Autobahn A 3 zwischen Vibo Valentia und Reggio Calabria befährt, muss sich auf Baustellen einrichten, mit deren Bau vor Jahrzehnten begonnen wurde.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Fahrten über die engen und steilen Landstraßen im Hinterland von Tropea oder entlang der Küste zum Capo Vaticano oder nach Pizzo. An einer Stelle wurde vor vielen Jahren mit dem Bau eines Tunnels begonnen, der mitten im Berg endet, an anderer Stelle fehlt es am Straßenbelag. Die Fahrten lohnen sich dennoch, denn sie führen in verwunschene Ortschaften und eine schöne Berglandschaft.



Der beschauliche Ort Nicotera südlich von Tropea ist zum Beispiel einen Ausflug wert. Vom hoch gelegenen Belvedere reicht der Blick weit über die Küstenebene von Rosarno bis zum größten Containerhafen Italiens, Gioia Tauro, der gleichzeitig als Einfallstor für harte Drogen gilt.


Süße Spezialität aus Pizzo

In Richtung Norden bietet sich das Städtchen Pizzo nicht nur für einen Spaziergang durch die Gassen an. Auf dem Marktplatz ist Gelegenheit, in einem der Cafés Tartufo zu probieren. In Pizzo rühmt man sich, die Spezialität erfunden zu haben, die in ihrer klassischen Variante aus einer Vanilleeiskugel mit einen Kern aus dunkler Schokoladensoße besteht, umgeben von einer Hülle aus Schokoladeneis und Kakaopulver. Inzwischen gibt es eine große Auswahl verschiedener Varianten.

Einmal beim Essen angekommen, richtet sich der Blick in Tropea auf die allgegenwärtigen roten Zwiebeln. Auf der Pizza, als Pasta-Soße, im Salat oder als Brotaufstrich – die besonders milden Cipolle fehlen in kaum einem Gericht und sind zu Zöpfen geflochten ein gern gewähltes Mitbringsel.




Wer mehrere Tage in Tropea bleibt, findet im Ort eine große Auswahl an Restaurants von einfach bis exquisit. Ein Blick abseits der Hauptflaniermeile Corso Vittorio Emanuele in die Seitengassen lohnt sich. Hier verstecken sich in den Hinterhöfen stimmungsvolle Lokale.


Der Bierpreis ist hoch

Kalabrien ist kein billiges Reiseziel. Wer am Strand Liegen und Sonnenschirm haben möchte, sollte darauf achten, sie als Inklusivleistung zur Unterkunft zu bekommen. Das Essen ist teurer als in Deutschland, beim Bierpreis wird so mancher Deutsche schreckensblass

Neben feinsandigen Stränden und kristallklarem Mittelmeer bietet das Zehntausend-Einwohner-Städtchen eine schöne Abwechslung: Jeden Morgen bei gutem Wetter sticht eine kleine Flotte von Ausflugsbooten Richtung Liparische Inseln in See.

Zu empfehlen ist eine Kombination aus Vulcano, Lipari und Stromboli mit jeweils kurzem Aufenthalt. Auf Vulcano – die Insel mit ihrem Bilderbuchkrater ist Namensgeber aller Vulkane – kann man seine Nase vom Schwefelduft der Schlammbäder umwehen lassen, in die von Rheuma oder Schuppenflechte geplagte Menschen gerne steigen. Auf Lipari lohnt eine Busrundtour. Am schönsten Aussichtspunkt gibt es Bruschetta mit den berühmten Kapern der Insel an einem einfachen Stand.

Stromboli schließlich lockt als Kulisse des gleichnamigen Films mit einem Spaziergang zum Haus von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. An die Aktivitäten des Vulkans sollten man hingegen keine zu hohen Erwartungen knüpfen. Seine Eruptionen etwa alle 15 bis 20 Minuten sind in der Regel wenig spektakulär.


http://www.welt.de/reise/nah/article129033452/Tropea-ein-Urlaubsparadies-mit-Ecken-und-Kanten.html